Kleingartenrapunzel ist eine Metapher für ein selbstbestimmtes Leben. Eines, das vor allem darauf baut, selbstverantwortlich zu entscheiden und handeln: durch eigene Erfahrung weiß ich etwas besser, also entscheide ich fortan entsprechend. Mein Garten wird weder grünen und blühen noch Früchte tragen, wenn ich nicht das tue, was dafür zu tun ist. Zentral dafür ist, mir das grundlegende Wissen anzueignen und es dann meinen eigenen Bedürfnissen nach anzupassen indem ich es anwende, meine Reaktionen beobachte, sie dokumentiere und reflektiere. Über Wetter und Jahreszeiten hinweg.
Wir sind Rapunzel. Wir alle waren in einem Turm gefangen. Wir alle sind nun in einem Kleingarten.
Wir alle hatten Eigenschaften uns mit der Welt zu verbinden (singen, langes Haar),
die sich nun vielleicht verändern, oder die wir ergänzen.
Unsere Türmen waren unterschiedlicher Bauart und Ausstattung und wir waren unterschiedlich lang dort.
(äußere Umstände, Gewohnheiten, Krankheit)
Die Kleingärten in denen wir uns nun befinden, oder vor deren hüfthohen Tor wir noch stehen, erstaunt, unsicher, neugierig und mit so viel Appetit auf Leben – unser Leben, all die Möglichkeiten – befinden sich in unterschiedlichem Zustand. (Körper, Geist, Ideen, Visionen)
Einerseits möchte ich das Kultivieren meines Kleingartens, die Veränderungen meiner Lebensweise und -führung, dokumentieren. Auch um sie selbst zu begreifen und verinnerlichen denn so oft sind vor allem die unscheinbaren Entscheidungen über die Zeit hinweg die, die alles verändern. Indem ich mich dann und wann vor mein Gartentor begebe, sehe und verstehe ich manches besser; nicht nur der Abstand während dieser Teepause hilft, sondern auch der Perspektivenwechsel.
Andererseits möchte ich mit diesem Archiv, ergänzt durch Videos und Sprachnachrichten, zu genau dieser Arbeit anregen und einladen. Durchaus im Geiste eines Märchens: wir wissen, sie alle haben ihre nervenaufreibenden, schmerzhaften und herzzerreißenden Momente. Sie machen das Abenteuer aus. Doch wir, als Lesende und Zuhörende der Märchen, wissen auch: Ende gut, alles gut; magische Wegbegleiter und Unterstützung warten ebenso auf uns hinter jeder dritten Ecke.
Wie wir mit uns selbst umgehen und reden, welche Geschichte wir uns zu den von uns gewählten Veränderungen erzählen, und unterwegs anpassen, ist entscheidend.
Denn Geschichten und Sprache, Haltung und Ton, Phantasie und Handlungsfreiheit machen uns Menschen aus. So wurde unser leben geformt, so haben wir es sich formen lassen; und nun formen wir es nach unseren Vorstellungen. Immer wieder staunend und dankbar, wieviel wir in unserem Alltag selbst in der Hand haben, beeinflussen und formen können: von unserer Wahrnehmung, unserer Reaktion und Aufmerksamkeit bis hin, selbstverständlich, zu unserem Tun und Handeln; das wohl Greifbarste.
Ein bißchen geht mir der Arsch auf Grundeis (*Herkunft), aber eigentlich wie uneigentlich auch nicht.
Meine Neugier, Abenteuerlust und Vorfreude überwiegen deutlich. Zwei äußerst hilfreiche Werkzeuge mit denen ich immer wieder gern arbeite sind mein Geburtshoroskop sowie mein BodyGraph (Human Design), dazu unterwegs mehr. Ich habe über das letzte Jahrzehnt, wie ihr sicherlich auch, bereits einiges herausgefunden – der erdige Weg von meinem Gartentor zur Laube und auch zur Bank unterm Apfelbaum, zwischen Kirsch- und Birnenbaum, als auch zu manch verwilderten Beeten, ist also gut festgelaufen.
Kultiviert habe ich jedoch noch nicht wirklich etwas, da ich mich immer wieder habe ablenken lassen von wilden Ideen in Illustrierten, die im Briefkasten an meinem Gartentor gelandet sind. Beschriene Abkürzungen, mit zahllosen Tips und Tricks und ergänzenden Hilfsmitteln zwei Seiten weiter.
Das Wichtigste habe ich mittlerweile durch eigenes Ausprobieren verstanden:
mit Abkürzungen dreht man sich im Kreis;
sie führen nirgendwohin außer zu Schwindel;
sie sind Illusionen
Wohingegen die Gesetze der Natur, durch die unsere Kleingärten stehen und überdauern, die sind, die es schlicht zu befolgen gilt. Naturgemachte Gesetze; für die unter euch, die an so manch menschengemachten Gesetzen und Vorgaben ihre berechtigten Zweifel haben. Orientieren wir uns also an dem, was für uns alle gilt: Schlaf und Erholung sind notwendig um über den Tag hinweg aufmerksam und wachen Geistes die Entschiedungen zu treffen, an denen wir wachsen, die uns stärken und mit denen wir uns selbst befähigen insbesondere dann beweglich zu sein, wenn das Leben mit einem Sturm oder brütender Hitze um sich wirft.
Als Kleingartenrapunzel wissen wir wie es sich anfühlt, wenn wir dahinvegetieren, weil wir nur eingeschränkt handeln können. Wir sind Wind und Wetter nun nicht schutzlos ausgesetzt, da wir eine Laube haben, Wände, die uns schützen statt uns zu begrenzen. Für so manche von uns ist das etwas, dem wir erst noch zu vertrauen lernen. Und das bedeutet auch, daß wir unserem Appetit nach Leben nachgehen lernen. Vertrauen, daß unsere Ideen und Phantasien Wegweiser sind.
Kleingartenrapunzel als dieses lebende Archiv ist für mich zugleich Wegweiser und Rastplatz.
Ich freue mich auf gemeinsame Teepausen, einander hinterlassene Notizen, empfohlene Gerätschaften, Werkzeuge und andere Hilfsmittel zum Kultivieren, als auch Feste in unserem digitalen Kleingatenverein über die Jahreszeiten hinweg.
Liebst,
Annie
*Herkunft „Arsch auf Grundeis“: wenn das Eis am Grunde von Gewässern im Frühjahr bricht und zur Oberfläche treibt, macht es Geräusche, die an das Grummeln in Magen & Darm und anderen Eingeweiden erinnern, vor allem wenn etwas hier zu Verstimmung geführt hat

© Annie